Rassismus-Anklagen beim Jazzfestival in Montreal

Die Aufführung eines neuen Musicals des kanadischen Produzenten Robert Lepage und der französischen Sängerin Beatrice Bonifaci hat beim diesjährigen Jazzfestival in Montreal großes Aufsehen erregt. Jedoch geschah dies nicht aus lobenswerten Gründen, sondern das Musical “SLAV” wurde stark wegen Rassismus kritisiert. Haben weiße Künstler das Recht, die Geschichte der Sklaverei zu erzählen? Sollte es ihnen erlaubt sein, ein Musical über die Sklaverei aufzuführen, das auf afro-amerikanischen Liedern beruht? Die Kritiker schienen sich einig, dass die Antwort zu diesen Fragen ein klares “Nein” ist.

Die Künstler machten den Kritikern zufolge zwei große Fehler: Zum einen versuchten sie das Thema Sklaverei zu verallgemeinern und in einen breiten Beziehungsrahmen zu stellen. Obwohl die meisten Lieder aus afro-amerikanischen Quellen stammen, beschränkt sich das Musical nicht auf die Sklaverei in den USA. Außerdem ist die Besetzung des Musicals überwiegend von Weißen geprägt. Vier weiße und zwei schwarze Künstler bilden das sechsköpfige Ensemble, wobei die weißen Schauspieler die Rollen der Feldsklaven und Baumwollpflücker spielen.

Neben den afro-amerikanischen Liedern besteht das musikalische Repertoire zwar auch aus Liedern aus Serbien, Bulgarien und Kanada, die alle von weißen Traditionen stammen, doch davon haben sich die Kritiker kaum beruhigen lassen. Vor dem “Theater der Neuen Welt”, in dem die Vorführung stattfand, gab es eine Protestkundgebung, bei der den Veranstaltern und Künstlern kultureller Neo-Imperialismus und Rassismus zum Vorwurf gemacht wurden.

Ein Statement von Bonifaci und Lepage, in dem sie betonten, dass die Geschichte der Sklaverei denjenigen (und ihren Nachfolgern) gehöre, die unterdrückt wurden, konnte die aufgebrachten Kritiker auch nicht besänftigen.

Als eine Folge des Skandals sagte der amerikanische Singer/Songwriter Moses Sumny seinen Auftritt beim Montreal Jazzfestival kurzfristig ab. Man hat zwar noch rechtzeitig Ersatz gefunden und sogar noch einige neue Shows in letzter Minute hinzugefügt, aber der Eindruck bleibt, dass bei diesem Streit letztendlich alle verloren haben, nicht zuletzt auch das Publikum, das teilweise hohe Eintrittspreise bezahlt hatte und vorwiegend aus Weißen bestand.